Unbegrenztes Wachstum funktioniert nicht
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10 Millionen Schweiz» ab. Landwirt und SVP-Kantonsrat Roman Schlatter erklärt, weshalb er ein Ja empfiehlt.
Die Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10 Millionen Schweiz» sorgt für Diskussionen. Die Befürworter sehen darin einen wichtigen Schritt, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen und den Druck auf Kulturland, Infrastruktur und Ressourcen zu reduzieren. Die Gegner warnen hingegen vor negativen Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt.
Im Interview erklärt Roman Schlatter aus Beringen, Landwirt, SVP Kantonsrat und Gastgeber der kürzlich durchgeführten Strohballenarena, weshalb er die Initiative unterstützt.
Die Abstimmung rückt näher. Was ist Ihr wichtigstes Argument für ein Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10 Millionen Schweiz»?
Roman Schlatter: Lange hiess es, wir bräuchten die Zuwanderung für den Arbeitsmarkt. Das stimmt nur teilweise. Natürlich sind wir in gewissen Branchen auf Fachkräfte angewiesen. Gleichzeitig erzeugt ein starkes Bevölkerungswachstum aber auch wieder zusätzlichen Bedarf an Ärzten, Pflegepersonal, Lehrpersonen und Infrastruktur. Wenn 100 000 Menschen zusätzlich in die Schweiz ziehen, braucht es wiederum Hunderte zusätzliche Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal, die diese Menschen versorgen. Ein Teil der zuwandernden Fachkräfte wird also bereits wieder benötigt, um die Folgen des Bevölkerungswachstums aufzufangen. Dieses System verstärkt sich laufend selbst. Deshalb müssen wir das Bevölkerungswachstum begrenzen, damit genügend Ressourcen, Wohnraum und Lebensqualität für alle erhalten bleiben.
Sie sind selbst Landwirt. Wo spüren Sie die Folgen des Bevölkerungswachstums in Ihrem Alltag ganz konkret?
Schlatter: Beringen ist dafür ein gutes Beispiel. Als ich 2009 aus der Schule kam, hatte die Gemeinde rund 3200 Einwohner. Seither wurde viel Land überbaut. An viele dieser Flächen kann ich mich noch erinnern, wie sie früher landwirtschaftlich genutzt wurden. Heute sind dort Wohnquartiere oder Industriegebiete entstanden. Mittlerweile zählt Beringen rund 5000 Einwohner. Gleichzeitig ist das Fremdkapital der Gemeinde von fünf auf rund 35 Millionen Franken gewachsen. Das sind für mich Wachstumsschmerzen. Besonders beschäftigt mich aber der Verlust von Landwirtschaftsfläche. Unser Selbstversorgungsgrad sinkt laufend. Das ist letztlich eine Importstrategie und ist unsozial.
Die Gegner warnen vor negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand. Warum teilen Sie diese Befürchtungen nicht?
Schlatter: Vor der Personenfreizügigkeit lag das Wirtschaftswachstum pro Kopf bei über zwei Prozent, heute sind es noch rund 0,6 Prozent. Allein durch Zuwanderung entsteht also nicht automatisch mehr Wohlstand. Der Staat wächst und wir wachsen vor allem in die Breite. Gleichzeitig steigen die Kosten und wir schaffen es nicht, die Infrastruktur im gleichen Tempo auszubauen. Deshalb teile ich diese Befürchtungen nicht.
Kulturland geht laufend verloren. Weshalb ist das auch für Menschen wichtig, die keinen direkten Bezug zur Landwirtschaft haben?
Schlatter: Am Ende betrifft das alle. Über 60 Prozent der Schweiz sind aufgrund von Bergen, Wäldern oder Seen gar nicht bewohnbar. Auf dem verbleibenden Raum müssen Siedlungen, Infrastruktur und Landwirtschaft Platz finden. Gerade im Mittelland sieht man, wie sich Dörfer und Agglomerationen immer weiter ausdehnen. Wir schätzen unsere Naherholungsgebiete, doch diese gehen oft auf Kosten von Landwirtschaftsflächen. Weniger Landwirtschaftsflächen bedeuten eine grössere Abhängigkeit vom Ausland. Krisenzeiten haben gezeigt, dass jedes Land zuerst an sich selbst denkt. Werden Lebensmittel knapp, steigen die Preise. Das kann zu einem grossen sozialen Ungleichgewicht führen und trifft insbesondere auch ärmere Länder.
Wenn Sie den Leserinnen und Lesern des Schaffhauser Bauer nur einen Satz mitgeben dürften: Warum Ja zur Initiative?
Schlatter: Unbegrenztes Wachstum funktioniert auf Dauer nicht, deshalb müssen wir das Bevölkerungswachstum bremsen, damit wir auch in Zukunft in einer lebenswerten Schweiz leben können, die sich möglichst selbst versorgt, ihre Sozialwerke finanzieren kann und in der Wohnen, Landwirtschaft, Naherholung und Arbeiten im Einklang stehen