Pferdewohl mit Siegel

Der Gruberhof in Siblingen trägt neu das Gütesiegel «Der Gute Stall». Die Auszeichnung steht für besonders pferdegerechte Haltung und bestätigt das durchdachte Stallkonzept der Familie Schelling 

Da ein leises Schnauben, dort das gleichmässige Kauen eines Pferdes. Die Stimmung ist ruhig und gelassen. Ein Pferd streckt den Kopf vom Auslauf in die Box hinein, erschrickt kurz über die ungewohnte Besucherin und nimmt Reissaus. «Ja, der mag keine Fremden», erklärt Bäuerin Bianca Schelling lachend. Solche Momente gehören für sie zum Alltag im Stall – einem Alltag, der bewusst gestaltet ist.


Ein neuer Betriebszweig entsteht
Ein weiteres Standbein zu haben, ist auch in der Landwirtschaft von Vorteil. Auf dem Gruberhof in Siblingen beschäftigte sich Familie Schelling schon länger mit der bisherigen Schafhaltung. Der Entscheid, diese aufzugeben, war ein längerer Prozess. Neben Schweinezucht und Mast sowie Ackerbau sollte ein weiterer, passender Betriebszweig auf den Hof kommen. Da Bianca seit klein auf pferdebegeistert ist, lag es nahe, diese Leidenschaft auszubauen. «Eigentlich wollten wir einen reinen Hengststall anbieten. Ich selber habe einen ‹halben› Hengst, deshalb war das für uns naheliegend.» Das nötige Fachwissen für die Hengsthaltung wäre bei der Familie vorhanden gewesen. Die Nachfrage nach reinen Hengstplätzen blieb jedoch aus. «Wir hatten keine Anfragen. Darum haben wir umgedacht und nehmen heute alle Pferde auf.»

Acht Pferde, individuelle Betreuung
Mittlerweile leben acht Pferde auf dem Gruberhof. Sechs davon sind Pensionspferde, dazu kommen zwei eigene. Bei den Pensionären handelt es sich fast ausschliesslich um Sportpferde: von jungen und alten Springund Dressurtalenten, bis zum Freizeitpferd ist alles dabei. Die Bäuerin hat selbst verschiedene Erfahrungen mit Pensionsställen gemacht. Ihr Ziel war klar: ein Stall, der den verschiedenen Bedürfnissen der Pferde entspricht. Die Boxen sind grosszügig konzipiert, rund 20  Quadratmeter, mit permanent zugänglichem Auslauf. Tag und Nacht können die Pferde selbst entscheiden, ob sie drinnen oder draussen sein möchten.

Durchdachtes Haltungskonzept
Zum Stall gehören mehrere Weiden, die ebenfalls rund um die Uhr zugänglich sind. Im Winter stehen separate Winterweiden zur Verfügung, im Frühling wechseln die Pferde auf die Sommerweiden, damit sich die Flächen erholen und gepflegt werden können. Direkter Stallzugang ist von allen Weiden gewährtleistet. Zusätzlich gibt es einen Offenstall, in dem die beiden eigenen Pferde gemeinsam leben. «Für mich steht fest: Nicht jedes Pferd ist für Gruppenhaltung geeignet», erklärt die Pferdekennerin. «Das habe ich mit meinen eigenen Pferden gelernt. Vor allem nicht in von Menschen künstlich zusammengestellten Gruppen.»

Komfort für Pferd und Mensch
Nicht nur die Pferdebedürfnisse wurden berücksichtigt, sondern auch jene der Besitzerinnen und Besitzer. Ein beheizter Deckenraum bietet Platz für die verschiedenen Pferdedecken. Für Barhufer gibt es sogar einen Hufschuhtrockner. Auch das Gemeinschaftliche kommt nicht zu kurz. Im beheizten Reiterstübli finden im Winter Fondueabende statt, im Sommer Grillanlässe. Die Fütterung erfolgt individuell. Die Besitzer bringen das Futter mit, Schellings übernehmen das Füttern. Ein Pferd leidet an einer Stauballergie und erhält bedampftes Heu. Dafür wurde eigens ein Heubedampfer angeschafft. Neu steht zudem ein Pferdesolarium zur Verfügung. «Die Benutzung läuft über einen Münzautomaten», sagt die Stallbesitzerin stolz. Auch beim Einstreu wurde bewusst gewählt. «Wir verwenden Waldboden mit natürlichen Mikroorganismen», erklärt sie. Der Boden bindet Feuchtigkeit, reduziert Geruchsemissionen und verhindert weitgehend, dass typische Stallgerüche entstehen – im Stall riecht es tatsächlich kaum nach Pferd. Das Heu stammt aus eigenem Anbau, auch hier bestehen Wahlmöglichkeiten für die Besitzer. Auch beim Reitplatz wurde darauf geachtet, dass sich der Kreislauf schliesst. Der Boden besteht aus Sand und organischen Bestandteilen. Sowohl das Material aus dem Reitplatz als auch der Boxenboden kann später als Dünger auf den eigenen Feldern genutzt werden, was den betrieblichen Nährstoffkreislauf sinnvoll ergänzt.

Gütesiegel «Der Gute Stall»
Dass ihr Konzept aufgeht, zeigt die Nachfrage: Der Stall ist voll belegt, es bestehen Wartelisten. Um die hohen Ansprüche auch sichtbar zu machen, meldete sich die Familie Schelling für das Gütesiegel «Der Gute Stall» an. «Ich habe das Label bei einem anderen Stall gesehen und mich informiert», erzählt Schelling. «In der Landwirtschaft kennt man Programme mit klaren Kriterien. Beim Pferd ist das noch weniger verbreitet.» Im Herbst  2025 wurde der Betrieb von einem Prüfer und einer Tierärztin umfassend begutachtet. Beurteilt wird der Betrieb anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs mit mehreren Dutzend Einzelkriterien. Jedes Kriterium wird je nach Erfüllungsgrad mit ein bis drei Punkten bewertet und zusätzlich unterschiedlich gewichtet. Daraus ergibt sich eine maximal erreichbare Gesamtpunktzahl. Die Plakette «Der Gute Stall» erhalten nur Betriebe, die mehr als 80  Prozent dieser maximal möglichen Punktzahl erreichen. Der Gruberhof übertraf diese Schwelle deutlich und erzielte über 90 Prozent.

Ein Stall mit viel Eigenleistung
Der neue Stall wurde erst im letzten Frühling fertiggestellt. Jede Schubkarre, jeder Balken wurde in Eigenleistung herangetragen und verarbeitet. Schelling übernahm die gesamte Planung. «Pläne erstellen, Bewilligungen einholen, umplanen – es war intensiv.» Die Umsetzung erfolgte durch ihren Mann Bernhard, den Schwiegervater und den Lehrling. Ein erfolgreiches Familienprojekt.

Anerkennung statt Preiserhöhung
Trotz der Auszeichnung bleiben die Pensionspreise unverändert. «Mir geht es darum, etwas vorweisen zu können, wenn neue Pensionärinnen oder Pensionäre kommen», sagt sie. Die Freude über die Anerkennung einer besonders pferdefreundlichen Anlage ist dennoch gross. Zukünftig noch mehr Pferde aufzunehmen gehört nicht zu ihrem Konzept. «Wir möchten nicht weiter wachsen», betont Schelling. «Mit dieser Grösse können wir individuell auf jedes Pferd eingehen – und auch unter den Menschen stimmt die Chemie.»

Der Gruberhof bietet Pferd und Mensch alles was das Herz begehrt.