Wein mit Verantwortung
Nachhaltigkeit gewinnt im Weinbau zunehmend an Bedeutung. Die GVS Weine AG bringt erstmals einen Wein auf den Markt, der nach dem internationalen Nachhaltigkeitsstandard FAIR’N GREEN zertifiziert ist. Ursula Beutler, Bereichsleiterin Wein der GVS und Mitglied der Geschäftsleitung, erklärt im Gespräch die Ziele hinter dem Projekt.
Schaffhauser Bauer: GVS bringt einen neuen Wein unter dem Label FAIR’N GREEN auf den Markt. Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Ursula Beutler, GVS Weine AG: Das Projekt hat für uns eine strategische Bedeutung. Die Weinbranche befindet sich derzeit in einer herausfordernden Phase. Gerade deshalb wollen wir uns konsequent weiterentwickeln und unsere Zukunft aktiv gestalten. Ein wichtiger Teil davon ist eine engere Zusammenarbeit mit unseren Winzerinnen und Winzern. Gemeinsam möchten wir die gesamte Wertschöpfungskette transparent und verantwortungsvoll in die Zukunft führen.
Welche strategische Bedeutung hat das Nachhaltigkeitskonzept für die GVS?
Beutler: Zusammen mit FAIR’N GREEN wollen wir unsere hochwertigen Weine auch ausserhalb von Schaffhausen stärker sichtbar machen und neue Weinliebhaber erreichen. Die Lancierung des ersten zertifizierten FAIR’N GREEN-Wein aus unserem Keller markiert den Start unseres Nachhaltigkeitskonzepts. Dieses basiert auf drei Säulen: Ökologie, Ökonomie und soziale Verantwortung.
Konsumieren andere Zielgruppen eher Weine mit einem FAIR’N GREEN-Label?
Beutler: Gerade für jüngere Generationen spielen ethische Aspekte eine zunehmend wichtige Rolle. Transparenz, Nachhaltigkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt werden stärker nachgefragt. Auch unsere Winzerinnen und Winzer spüren diesen gesellschaftlichen Wandel. Mit dem Projekt übernehmen wir als Kellerei Verantwortung und tragen das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam mit unseren Produzenten.
War dies eher ein mutiger Schritt oder eine logische Weiterentwicklung?
Beutler: Für uns ist es eine logische Weiterentwicklung unserer Strategie. Wichtig war, einen Partner zu finden, der unsere Werte teilt. FAIR’N GREEN ist ein Nachhaltigkeitsstandard, der aus dem Weinbau heraus entstanden ist und genossenschaftliche Strukturen kennt. Hinter dem Programm stehen wissenschaftliche Projekte und Kooperationen mit Universitäten. Entscheidend war für uns auch, dass sich das Label laufend weiterentwickelt. Die Anforderungen im Weinbau verändern sich ständig, etwa durch den Klimawandel. Deshalb wollten wir ein System, das diese Entwicklungen aufnehmen kann.
Könnte es ein Nachteil sein, dass FAIR’N GREEN in der Schweiz noch weniger bekannt ist als Bio oder Demeter?
Beutler: Für uns stand nicht die Bekanntheit im Vordergrund, sondern die Inhalte. Wir wollten ein Label, das unseren Anforderungen entspricht und hinter dem wir stehen können. FAIR’N GREEN ist in mehreren europäischen Weinländern bereits etabliert. In der Schweiz wächst das Netzwerk ebenfalls. Entscheidend ist für uns, dass hinter dem Label konkrete Massnahmen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung stehen.
Aus welchen Traubensorten besteht der neue FAIR’N GREEN-Wein?
Beutler: Der erste Wein wird aus robusten Sorten hergestellt, konkret aus Divico und Satin Noir. Es handelt sich um einen Rotwein. Parallel entwickeln wir einen entalkoholisierten Schaumwein.
Wo werden die Trauben angebaut?
Beutler: Der erste FAIR’N GREEN-Wein stammt aus dem Rebberg am Stokarberg. Der Rotwein aus der Ernte 2025 wird bereits zertifiziert sein und soll ab November zur Degustation und zum Verkauf bereitstehen.
Wie würden Sie den Stil des neuen Weins beschreiben?
Beutler: Es handelt sich um einen dichten, aromatischen und modernen Rotwein.
An wen richtet sich der Wein primär?
Beutler: Wir möchten sowohl klassische Weinliebhaber ansprechen als auch neue Zielgruppen erreichen. Einerseits wollen wir zeigen, dass wir moderne Weine auf internationalem Niveau produzieren können. Andererseits möchten wir auch jüngere Konsumentinnen und Konsumenten für unsere Weine begeistern.
Arbeiten Sie mit bestehenden Vertragswinzern oder mit neuen Produzenten?
Beutler: Für uns ist es zentral, die bestehenden Partnerschaften zu stärken. Unsere langjährigen Winzerinnen und Winzer sind ein wichtiger Teil dieses Projekts.
Welche Anforderungen müssen die Rebflächen erfüllen?
Beutler: Im Pflanzenschutz gilt der Grundsatz: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Chemische Mittel kommen nur zum Einsatz, wenn mechanische oder biologische Massnahmen nicht ausreichen. Gleichzeitig achten wir darauf, dass möglichst wenig toxische Produkte eingesetzt werden. Ziel ist es, die Belastung im Rebberg zu reduzieren. Zusätzlich sollen Biodiversitätsflächen geschaffen und mechanische Methoden stärker genutzt werden, etwa bei der Pflege unter den Rebstöcken.
Die Branche spricht zunehmend von einer strukturellen Weinkrise. Wie beurteilen Sie die Lage?
Beutler: Ich arbeite seit über dreissig Jahren in der Weinbranche. Eine Situation wie die aktuelle habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Die Veränderungen werden strukturelle Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette haben. Deshalb haben wir in den letzten anderthalb Jahren gezielt investiert, um auf diese Entwicklungen vorbereitet zu sein.
Welche Trends bereiten Ihnen derzeit Sorgen?
Beutler: Der deutlich sinkende Rotweinkonsum beschäftigt mich. Gerade in einer Region wie Schaffhausen, die stark vom Blauburgunder geprägt ist, ist das eine Herausforderung. Wein ist ein Kulturgut. Diese Bedeutung sollte wieder stärker ins Bewusstsein rücken.
Ist FAIR’N GREEN ein Nischenprojekt oder ein Vorgeschmack auf die Zukunft der GVS Weine?
Beutler: Es ist klar ein Vorgeschmack auf die Zukunft der GVS Weine AG. In Zukunft wird unser gesamtes Sortiment nach FAIR’N GREEN zertifiziert sein.
Wo sehen Sie den Schweizer Weinbau in zehn Jahren?
Beutler: Ich hoffe, dass wir konsequent auf qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Weinbau setzen. Nur so können wir uns langfristig sowohl national als auch international behaupten.
Welche Ziele verfolgt die GVS in Zukunft?
Beutler: Wir möchten unsere Weine verstärkt auch im Ausland präsentieren. Der Exportanteil von Schweizer Wein ist sehr klein und international sind unsere Weine wenig bekannt. Wenn wir im Ausland sichtbarer werden, stärkt das auch das Image des Schweizer Weinbaus.
Ist der Weg über internationale Weinwettbewerbe ein möglicher Einstieg?
Beutler: Wir nehmen bereits seit einigen Jahren mit «goldigen» Erfolgen an internationalen Wettbewerben teil. Mit FAIR’N GREEN haben wir zusätzlich eine Plattform an den internationalen Fachmessen wie z.B. der Prowein in Düsseldorf. Gleichzeitig arbeiten wir an einem neuen Markenauftritt. Unsere Weine sollen künftig ein klares Erscheinungsbild haben, sodass man einen GVS Wein sofort erkennt. Wir sehen gute Chancen für den Export, denn die guten Weine dazu haben wir bereits.
Endet das Nachhaltigkeitskonzept beim Weinberg?
Beutler: Nein. Nachhaltigkeit betrifft auch unsere Arbeit in der Kellerei. Wir stellen beispielsweise auf eine einheitliche Flaschenform um und reduzieren Verpackungsmaterial. Zudem setzen wir auf Leichtglasflaschen, verzichten auf Kapseln und achten stärker auf den Energieverbrauch und schonende Prozesse in der Produktion. Nicht nur ein Projekt, sondern fester Bestandteil der Zukunft der GVS Weine AG.
Ursula Beutler