Zugkraft auf vier Hufen

Dampfende Pferde im Nebel, gedämpfte Kommandos und das leise Ächzen von Holz. Wo Maschinen dominieren könnten, arbeiten Pferde präzise und bodenschonend. Ein Praxisbeispiel aus Wald und Feld zeigt, weshalb Arbeitspferde wieder gefragt sind.

Minustemperaturen und dichter Nebel prägen den Morgen. Eine fast vollkommene Ruhe liegt über dem Wald. Schweissdampf steigt von den Pferderücken auf, gelegentlich knarrt ein Stamm, der über den Boden gezogen wird. Vier Gespanne sind im Einsatz. Ihre Aufgabe: gefällte Bäume schonend zum Wegrand zu rücken, wo sie später vom Forwarder übernommen werden. Die Gespanne könnten unterschiedlicher kaum sein. Ein mächtiger belgischer Ardenner zieht ruhig und kraftvoll Stamm um Stamm aus dem Bestand. Daneben arbeiten mehrere Freiberger, wendig und ausdauernd. Ergänzt wird das Team durch zwei schwarze Ponys, die leichtere Stämme übernehmen.

Vielseitigkeit als Stärke
«Die Schweizer Freiberger sind perfekt gemacht für diese und viele andere Arbeiten», erklärt Ernst Rytz, pensionierter Landwirt und Mitglied der IG Arbeitspferd. «Durch frühere Einkreuzungen mit Vollblutpferden sind sie widerstandsfähig, leistungsbereit und erholen sich sehr schnell.» Rytz hat über Jahrzehnte mit seinen selbst gezüchteten Freibergerstuten gearbeitet. Dies auf dem Acker, im Wald und im täglichen Betriebsablauf. Auch die Ponys im Einsatz überzeugen ihn: «Das sind echte Powerponys. Sie lieben die Arbeit.» Freiberger gelten als lernfreudig und leistungsbereit. Ihre Erholungsfähigkeit ist besonders ausgeprägt. Messungen des Laktatwertes im Blut zeigen, dass sie sich nach Belastung schneller regenerieren als andere Rassen, ein klarer Vorteil im täglichen Arbeitseinsatz.

Mitdenken statt blind folgen
Die eingesetzten Pferde tragen bewusst keine Scheuklappen. «Ein gut ausgebildetes Arbeitspferd soll mitdenken», sagt Rytz. Es findet selbstständig den besten Weg um Hindernisse herum. Charakterstärke sei dabei wichtiger als Furchtlosigkeit. Entscheidend seien Geduld, Zeit und Konsequenz auf Seiten des Menschen.

Erfahrung aus der Praxis
Früher bewirtschaftete Rytz einen Betrieb mit rund 35 Hektaren Kulturland und Mutterkuhhaltung. Einen Grossteil der Feldarbeit erledigte er mit Pferden. «Natürlich braucht es mehr Zeit, aber die Investitionen in grosse Maschinen entfallen.» Zudem sei die Bodenverdichtung deutlich geringer.

Ausbildung braucht Geduld
Die Prägung beginnt früh. Fohlen begleiten ihre Mutter bereits bei leichten Arbeiten. Die eigentliche Ausbildung startet jedoch erst einige Jahre später. Freiberger gelten als schneller lernend und sind oft nach rund drei Jahren ausgebildet, während Kaltblüter eher vier Jahre benötigen.

Arbeitszeit und Einsatzplanung
Die tägliche Arbeitszeit hängt vom Trainingszustand ab. Gut konditionierte Pferde können bis zu acht Stunden arbeiten, mit regelmässigen Pausen. Beim aktuellen Auftrag wird bewusst nur vier bis fünf Stunden pro Tag gearbeitet, dafür über eine ganze Woche. In den Pausen ruhen die Tiere im Anhänger und erhalten Futter und Wasser.

Wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt
Ein Arbeitspferd lohnt sich nur bei regelmässigem Einsatz. Ideal sind mehrere Arbeitstage pro Woche, ergänzt durch Kutschfahrten oder andere Aufgaben. «Man sollte dranbleiben. Dann hat man ruhige, motivierte Pferde.» Besonders sinnvoll ist der Einsatz beim Zäunen, in Hanglagen oder bei sensiblen Böden. Material kann im Anhänger transportiert werden, welcher vom Pferd gezogen wird, während der Mensch effizient arbeitet.

Wissen teilen und erhalten
Früher lieh man sich beim Pflügen gegenseitig Pferde aus. Das setzte eine standardisierte Ausbildung und klare Kommandos voraus – wie «hüscht» und «hott», die bis heute international gebräuchlich sind. Auch heute wird dieses Wissen bewusst weitergegeben. Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt «Weltacker» in Zollikofen. Auf 2000 Quadratmetern werden alle global relevanten Kulturen angebaut. Die Bodenbearbeitung erfolgt mit Pferden. «Zu Beginn brauchten wir vier Pferde, heute reichen zwei. Der Boden ist lockerer und frei von Verdichtungen.»

Material und Organisation
Gebrauchtes Arbeitsmaterial ist in der Schweiz noch vergleichsweise gut verfügbar. Schwieriger wird es bei Pferden ausserhalb der Freiberger-Masse, da Spezialanfertigungen nötig sind. Die IG Arbeitspferd fungiert dabei als wichtige Drehscheibe mit Marktplatz und Beratung. Der Verein zählt rund 140 Mitglieder, davon etwa 30 mit sehr hoher Einsatzintensität. Einsätze werden regional koordiniert, um Wissen breit zu streuen.

Zukunft auf vier Hufen
Kann ein Betrieb heute ausschliesslich mit Pferden geführt werden? «Jein», sagt Rytz. Mit grossem Fachwissen, überschaubarer Betriebsgrösse und körperlichem Einsatz sei es möglich und dazu noch wirtschaftlich interessant. «Die Grundinvestitionen liegen bei rund zehn Prozent im Vergleich zur Mechanisierung.» Arbeitspferde haben eine Nutzungsdauer von 10 bis 15 Jahren, eine Lebenszeit von bis zu 25 Jahren. «Sie sind günstig, aber sie verlangen Geduld, Zeit und echte Partnerschaft.»

Schaffe mit Ross ist vielseitig.

Ernst Rytz mit seinen zwei Freibergern.