Zukunft trotz Milchkrise

Die Holsteinfarm Neukomm trotzt den stürmischen Zeiten der Milchbranche. Mit viel Innovationsgeist und neuen Vermarktungsideen reagiert der Betrieb auf den Marktdruck. Ihr klares Ziel: keine gesunden Kühe schlachten zu müssen und die Zukunft der Milch auf dem Hof zu sichern.

In Norddeutschland würde man sagen: «Es weht eine steife Brise» über die Holsteinfarm. Auf dem Bettenbuck, etwas ausserhalb von Hallau Richtung Wilchingen, ist es tatsächlich fast immer windig. Der Blick schweift über offenes Land, der Hof liegt frei in der Landschaft. Symbolisch passt dieses Bild zur Geschichte des Betriebs. 1975 siedelte Urgrossvater Walter den Hof aus dem Dorfkern von Hallau aus. Dort war es zu eng geworden. Schon damals war klar: Wer wachsen und eine Familie ernähren wollte, brauchte Platz. Also entstand ausserhalb des Dorfes ein neuer Betrieb mit Stall, Wohnhaus und Scheune. Dies legte den Grundstein für die heutige Holsteinfarm in dritter Generation.

Ein Stall für die Zukunft
Als Stefanie und Florian den Betrieb übernahmen, war für sie klar: Tierwohl soll im Zentrum stehen und der Betrieb soll weiterentwickelt werden. Die Idee eines Laufstalls nahm Form an. Pläne wurden gezeichnet, Konzepte studiert, Details ausgearbeitet. Doch wie finanziert man ein solches Projekt? Verschiedene Varianten wurden geprüft. Schliesslich lancierte die Familie ein privates Crowdfunding. Über die eigene Website, mit Unterstützung von Freunden und Verwandten, sammelten sie Beiträge. Es kam das eine oder andere Nötli zusammen, für den kompletten Neubau reichte es jedoch nicht. Im November 2024 war es dann aber trotzdem so weit: Der neue Stall konnte bezogen werden. Zunächst zogen 30 Kühe ein. Melkroboter und Futterroboter erleichtern seither den Alltag spürbar. Arbeitsabläufe sind effizienter, körperliche Belastungen geringer. Für die Tiere bedeutet der Laufstall vor allem Freiheit. Sie haben mehr Platz, können sich frei bewegen und jederzeit ins Freie. «Sie können so oft zum Melkroboter gehen, wie sie möchten», erklärt Florian. Ganz selbstverständlich war das jedoch nicht. «Früher kamen wir in den Stall, und eine Kuh nach der anderen wurde mit der Melkmaschine gemolken», erzählt Stefanie schmunzelnd. «Jetzt mussten sie lernen, selbstständig zum Roboter zu gehen. Das brauchte Geduld und viel Unterstützung.»

Mehr Kühe aber weniger Absatz
Der neue Stall war für mehr Tiere konzipiert. Zehn Kühe kamen dazu, später nochmals zehn. Viele davon waren Erstgebärende in der ersten Laktation und gaben anfangs noch wenig Milch.
Seit dem Sommer jedoch sind alle «voll im Saft», just zu jenem Zeitpunkt, als sich die Milchkrise verschärfte. «Jetzt haben wir einen Stall voller Kühe, die hervorragend Milch geben, aber die Milch hat keinen Platz mehr auf dem Markt», sagt Stefanie. Tiefe Produzentenpreise und ein gesättigter Markt setzen die Familie unter Druck. Es werde empfohlen, weniger produktive oder weniger fruchtbare Tiere zu schlachten, um die Milchmenge zu reduzieren. «Gesunde Kühe zu schlachten ist, allerdings nicht unser Ziel», betont Florian.

Neue Wege für die eigene Milch
Stattdessen sucht die Familie nach Alternativen. Sämtliche Kälber, die früher mit rund 80 Kilogramm in die Mast gingen, behalten sie nun auf dem Betrieb. Sie trinken einen Teil der Hof-Milch. Bereits vor der Krise entstand die Milchhüttä auf dem Hof. Dort gibt es täglich von morgens bis abends frische Rohmilch, selbstgemachten Joghurt und weitere Produkte im Direktverkauf. Seit wenigen Wochen ergänzt das sogenannte Milchtaxi das Angebot. An zwei Tagen pro Woche liefert die Familie vorbestellte Milch direkt ins Haus. Dies geschieht im ganzen Klettgau jeweils am Mittwoch und Samstagmorgen. Die Nachfrage sei erfreulich, Kapazitäten seien noch vorhanden. Auch bei der Verarbeitung geht die Familie neue Wege. 600 Kilogramm Milch liessen sie kürzlich von einer Molkerei zu «Holsteiner Mutschli» verarbeiten. Eine eigene Käseproduktion ist mangels Infrastruktur nicht möglich. «Genug Milch haben wir ja, und es ist eine feine Idee für den Direktverkauf», sagt Stefanie. Bald soll der Käse im Kühlschrank der Milchhüttä liegen.

Patenschaft statt Schlachtung
Weiter setzt die Familie auf Kuhpatenschaften. Wer eine Patenschaft übernimmt, kann «seine» Kuh besuchen, erhält eine Urkunde mit Kuhporträt und bekommt Weihnachtspost von der Patenkuh. Bei einer Geburt darf sogar das Kalb benannt werden. Einmal wöchentlich wird dem Paten ein Liter Milch geschenkt. Mit diesen Angeboten schafft die Familie Nähe und Verständnis für ihre Arbeit – und stärkt gleichzeitig die Wertschöpfung auf dem eigenen Betrieb. Unverständlich ist für die Familie, dass trotz Milchüberschuss weiterhin Milch importiert wird. «Wenn ich im Laden Rahm oder Butter sehe mit Schweizer Kreuz auf der Verpackung, aber mit ausländischer Milch, das ist für mich unbegreiflich», sagt Stefanie.

Milchkühe oder nicht?
Und in zehn Jahren? Die Antwort kommt zögerlich, aber klar: «Hoffentlich immer noch hier auf unserem Milchbetrieb.» Mit auf dem Weg sind auch die beiden Töchter Valerie und Lucy, die mitten auf dem Betrieb aufwachsen. Damit noch mehr Kinder hinter die Kulissen eines Bauernhofes schauen können, bietet Familie Neukomm Kindergeburtstage auf dem Hof an. Die kleinen Gäste dürfen Kühe und Kälber füttern und streicheln und lernen spielerisch die Landwirtschaft kennen. Auf dem Bettenbuck weht der Wind weiter. Die Familie Neukomm setzt alles daran, damit ihr Betrieb und die Kühe überleben.