Stierenmarkt Brunegg - Einblick aus Sicht der Redaktion

Vor meinem ersten Besuch am Stierenmarkt erhielt ich eine einfache Instruktion von zu Hause: Kein Stier kommt mit nach Hause – was angesichts unseres Einfamilienhauses mit Garten statt Stall wie eine sichere Sache klang. Nun ja: Die Stiere waren zwar teils schon schwer und gross, aber eben doch noch Teenager. Und einige von ihnen waren wirklich herzig. Zu Beginn besuchte ich den Stall, in dem rund 70 Verkaufsmunis auf ihre neuen Besitzer warteten. Die Tiere lagen ruhig da, die Stimmung war gemächlich und entspannt. Man konnte zu ihnen hingehen, sie streicheln und in aller Ruhe begutachten – was die Sache mit dem Nichtkaufen unerwartet anspruchsvoll machte. Dabei sah ich einen Jungen, der bei zwei etwas kleineren Stieren stand und sie liebevoll kraulte. Ich fragte ihn, ob die Tiere ihm gehörten. Er nickte. Seit ihrer Geburt begleite er die beiden. Auf meine Frage, ob er auf einen guten Verkaufspreis hoffe, antwortete er ohne Zögern: «Nein, ich hoffe, sie kommen zu einem guten Bauern.» In diesem Moment hätte ich die beiden am liebsten selbst gekauft. Stattdessen drückte ich ihm fest die Daumen, dass seine Jungspunde eine gute Zukunft vor sich haben würden. Zurück in der Halle wurde mir geraten, mich zu einem Urgestein des Marktes zu setzen – er wisse alles. Es zeigte sich schnell, dass meine Platzwahl goldrichtig gewesen war. Neben mir wurde jede Versteigerung fachkundig und mit hörbarer Leidenschaft kommentiert: warum dieser Muni günstiger «ging», dass «der bestimmt ins Leasing kommt» oder dass «das bei dieser Grösse ja klar gewesen sei». Mein Sitznachbar erklärte geduldig Zusammenhänge, ordnete ein und liess mich tief in die Marktlogik eintauchen. Ganz nebenbei gab er mir einen wichtigen Tipp: Nie die Hand heben. Auch nicht zum am Ohr kratzen. Jede Bewegung könne vom Auktionator sofort als Kaufabsicht interpretiert werden. Ich sass also still wie eine Statue – vorsichtshalber. Als schliesslich ein Angus-Stier für 7900 Franken zugeschlagen wurde, klatschte das ganze Publikum. Und als ein kleiner, besonders herziger Angus nicht den erhofften Preis erzielte und der Verkäufer ihn zurückzog, war ich für einen Moment überzeugt, dass ein dritter Stier in unserem Garten durchaus Platz finden würde.