Zwischen Weide und Obstbau

Die Hiltifarm in Bibern ist ein vielseitiger Betrieb mit mehreren Standbeinen. Mutterkuhhaltung und Obstbau prägen dabei den Arbeitsalltag und das Erscheinungsbild nach aussen. Beide Bereiche zeigen, wie eng Tierhaltung, Natur und Direktvermarktung zusammenspielen.

Ein kleines Kälbchen, warm eingepackt in eine Decke springt im Offenstall umher. Es sucht immer wieder die Nähe seiner Mutter und trinkt. Rundherum herrscht ruhiges Treiben in der Herde. Mitten drin liegt Norbert. Der Aubrac-Stier ist eine imposante Erscheinung. Seit drei Jahren lebt er auf der Hiltifarm in Bibern und ist Vater vieler Kälber. Trotz seiner Grösse ist er ruhig und zutraulich. «Wenn er Lust hat, lässt er sich sogar streicheln», sagt René Hiltbrunner. Unterschätzen dürfe man ihn aber nicht.

Weiden statt Ackerland
Norbert und die 18 Mutterkühe verbringen zusammen mit ihren Kälbern von April bis Ende Oktober rund um die Uhr auf der Weide. Die Hiltifarm liegt in einer Landschaft, die stark von Naturwiesen geprägt ist. Zwei Drittel der Flächen sind nicht ackerfähig, vieles liegt zudem in einer Landschaftsschutzzone. Diese Voraussetzungen haben den Betrieb entscheidend geprägt. Früher wurden hier Milchkühe gehalten. Sinkende Milchpreise und ein sanierungsbedürftiger Stall führten schliesslich zur Umstellung auf Mutterkuhhaltung.

Entscheidung mit Herz
Im Rahmen einer Betriebs- und Unternehmerweiterbildung setzten sich Michaela und René intensiv mit ihren Zielen auseinander. Michaela sagt: «Wir haben auch geschaut, was René Freude macht und ihm Lebensqualität bringt. Und da standen die Mutterkühe klar im Zentrum, auch wenn sie wirtschaftlich nicht an erster Stelle stehen.»

Diese Entscheidung prägt den Betrieb bis heute. «Jede Kuh hat ihren eigenen Charakter. Genau das gefällt mir», sagt René. Der Bezug zu den Tieren ist eng. Jede Kuh trägt einen Namen.  Täglich geht René auf die Weide, kontrolliert ob es allen gut geht.

Beweidung mit System
Die Hiltifarm arbeitet mit einem gezielten Weidemanagement. Die Tiere werden nach Möglichkeit in kurzen Abständen auf neue Flächen geführt, damit sich das Gras erholen kann. «Unser Ziel ist es, mit vielen Tieren in kurzer Zeit eine Fläche zu beweiden», erklärt René. In den Hanglagen stösst dieses System jedoch an Grenzen. Wasser kann nicht überall einfach bereitgestellt werden. «Es bleibt oft ein Kompromiss.»

Robust und anspruchsvoll

Die Herde besteht heute aus Aubrac-Rindern. Ursprünglich arbeiteten die Hiltbrunners mit Angus-Tieren. Diese benötigten jedoch zusätzliches Kraftfutter, was nicht in das Betriebskonzept passte. Mit der Umstellung auf Aubrac fanden sie eine robuste Rasse, die gut mit den vorhandenen Flächen zurechtkommt. Die Tiere verfügen über einen ausgeprägten Mutterinstinkt. «Es kommt schon vor, dass ich auf der Weide weggeschubst werde, wenn ich einem Kalb zu nahe komme», erzählt René mit einem Schmunzeln.

Die Mutterkuhhaltung bringt auch Herausforderungen mit sich. Durch die ganzjährige Haltung mit integriertem Stier gibt es laufend Geburten. Für die Direktvermarktung ist das ein Vorteil, da das ganze Jahr über Fleisch angeboten werden kann. Gleichzeitig ist die Futterqualität im trockenen Spätsommer nicht immer optimal, was sich auf das Gewicht der Tiere auswirkt. Hinzu kamen schwierige Zeiten durch die Blauzungenkrankheit. «Wir haben in einem Jahr fünf Kälber verloren. Das war emotional und finanziell sehr belastend.»

Direkt vom Hof auf den Teller
Das Fleisch der Tiere wird als Natura-Beef vermarktet. Ein Teil gelangt in den Grosshandel, ein wichtiger Anteil wird direkt ab Hof verkauft. Über die eigene Website können Kundinnen und Kunden Fleischpakete bestellen. Die Tiere werden in unmittelbarer Nähe geschlachtet, der Transportweg ist entsprechend kurz – auf der anderen Strassenseite der Hiltifam. «Unsere Kundschaft schätzt es sehr, zu sehen, wie die Tiere leben und dass sie keinen langen Weg zur Schlachtung haben», sagt Michaela. Die Nachfrage ist gross. «Wir könnten mehr Fleisch verkaufen, aber uns fehlen die Zeit für mehr Tiere und die Fleischverarbeitung.»

Neuer Weg mit Obst
Neben der Mutterkuhhaltung bildet der Obstbau ein weiteres Standbein. Entstanden ist er in einer schwierigen Phase in der Pouletmast. «Damals konnte ich nachts kaum mehr schlafen», erinnert sich René. Die Familie suchte nach einer Ergänzung, die wirtschaftlich entlastet. Die Idee kam über einen Fachartikel. Gleichzeitig knüpfte sie an persönliche Erinnerungen an. «Als Kind habe ich beim Lesen von Brennkirschen mein Sackgeld verdient. Das sind bis heute schöne Erinnerungen.»

Der Einstieg erfolgte mit einer halben Hektare Kirschen, von Beginn an in Zusammenarbeit mit einem Grosshändler. Heute stehen rund 1000 Kirschbäume auf dem Betrieb. Während der Ernte arbeiten zahlreiche Helferinnen und Helfer aus vielen Ländern auf der Hiltifarm. «Das ist eine gute Abwechslung zum übrigen Arbeitsalltag übers ganze Jahr», sagt René. In ertragreichen Jahren werden bis zu 25 Tonnen Kirschen geerntet.

 

Zwischen Markt und Natur
Der Kirschenanbau ist anspruchsvoll und arbeitsintensiv. Sortenwahl, Marktanforderungen und Wetter spielen eine grosse Rolle. Grosse, feste Früchte sind gefragt. Gleichzeitig stehen die Produzenten im Wettbewerb mit Importware. «Wenn bei uns die ersten Sorten reif sind, sind oft bereits attraktive Kirschen aus Italien im Handel», erklärt René. In den letzten Jahren wurden deshalb Bäume gerodet und neue Sorten gepflanzt. Ein Teil der Flächen wurde auf Zwetschgen umgestellt, um die Ernte zeitlich zu entzerren.

 

Wenn Frost zur Gefahr wird
Der Obstbau verlangt viel Einsatz. Frostnächte im Frühling sind besonders kritisch. Dann kommen Paraffinkerzen zum Einsatz, die in der Anlage für einige Grad mehr Wärme sorgen. «In einem Jahr haben wir Kerzen im Wert von 12’000 Franken eingesetzt», erzählt René. «Ohne diese Massnahme hätten wir keinen Ertrag gehabt.» Die Nächte sind lang. Oft müssen die Kerzen mitten in der Nacht angezündet werden und bis zum Sonnenaufgang brennen.

Auch im Alltag ist der Obstbau arbeitsintensiv. Netze und Folien schützen die Kulturen vor Hagel und Schädlingen. «Ohne diese Schutzsysteme geht es heute nicht mehr», sagt René. Gleichzeitig hat diese Arbeit auch ihre schönen Seiten. «Das Schneiden der Obstbäume ist unsere gemeinsame Zeit», sagt Michaela. «Da können wir reden.»

 
Gemeinsam für die Landwirtschaft
Ein Blick über den eigenen Betrieb hinaus zeigt, weshalb sich die Familie Hiltbrunner auch im Organisationskomitee des Bauerntags engagiert, welcher am Wochenende auf dem Nachbarsbetrieb stattfindet. Viele landwirtschaftliche Betriebe stehen unter Druck, sei es wirtschaftlich, emotional oder strukturell. «Die Herausforderungen werden nicht kleiner», sagt René. «Da ist es wichtig, dass man Unterstützung hat und sich austauschen kann.» Die Familie hat über die Bauernkonferenz erlebt, wie wertvoll Gemeinschaft sein kann. «Man fühlt sich verstanden, weil alle ähnliche Situationen kennen», sagt Michaela. Der Bauerntag soll genau dafür Raum bieten.