Raps unter Druck
Gelb leuchtende Rapsfelder prägen im April den Kanton Schaffhausen. Ihr Duft liegt in der Luft, ein gleichmässiges Summen schwebt über den Feldern. Es ist Frühling. Und doch steckt hinter dieser scheinbar idyllischen Kulisse eine Kultur, die zunehmend unter Druck gerät.
Raps gehört zur Region wie die weiten Felder des Klettgaus. Er prägt nicht nur das Landschaftsbild, sondern ist auch wirtschaftlich bedeutend. Rapsöl findet sich in Küchen, in der Gastronomie und in der Lebensmittelproduktion. Es deckt rund einen Viertel des Schweizer Pflanzenölbedarfs und gilt aufgrund seines hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren als besonders wertvoll. Auf rund 22 000 Hektaren wird Raps in der Schweiz angebaut. Doch der Anbau wird zunehmend anspruchsvoll. Roman Schlatter aus Beringen bewirtschaftet einen Ackerbaubetrieb mit Weizen, Gerste, Raps, Triticale, Zuckerrüben und Mais sowie eine Munimast. Für ihn ist klar: «Der Raps ist eine wichtige Kultur, weil er zu einer anderen Pflanzenfamilie gehört als das Getreide.» Als Fruchtfolgeglied bringt er Abwechslung aufs Feld, hilft, problematische Ungräser wie den Ackerfuchsschwanz zu regulieren und dient gleichzeitig als wertvolle Vorkultur für Getreide. Auch im Betriebskreislauf spielt Raps eine zentrale Rolle. «Der Raps hat auch emotional eine Bedeutung auf unserem Betrieb. Die Munimast ist ein Hauptbetriebszweig von uns und die Pressrückstände bei der Rapsölherstellung werden wieder im Futter für meine Tiere verwendet. Kreislaufwirtschaft ist in der Landwirtschaft ein wichtiger Bestandteil», sagt Schlatter. Mit dem Rapsöl entstehen Lebensmittel, mit dem Presskuchen ein eiweissreiches Futtermittel. Dieses wird direkt auf dem Betrieb eingesetzt und ersetzt importiertes Eiweissfutter. «Mit dem Rapsanbau in der Schweiz haben wir einen guten Soja-Ersatz und können die Abhängigkeit von Importen reduzieren.»
Mehr Aufwand und steigender Druck
Doch der Rapsanbau ist deutlich aufwendiger geworden. Früher war die Kulturführung weniger intensiv. Ein Grund dafür liegt im zunehmenden Schädlingsdruck. Besonders der Rapserdfloh stellt die Landwirte vor grosse Herausforderungen. Seit 2014 darf Rapssaatgut nicht mehr gebeizt werden. Die Neonicotinoid-Beizung war ein systemisch wirkendes Insektizid, das die jungen Pflanzen in der empfindlichen Auflaufphase schützte. Heute fehlt dieser Schutz. Damit hat sich der Pflanzenschutz grundlegend verändert. Was früher direkt über das Saatgut abgesichert war, muss heute über mehrere gezielte Spritzungen im Feld erfolgen. Schlatter erklärt, dass dadurch sowohl der Aufwand als auch das Risiko gestiegen seien. «Jede Durchfahrt die nötig ist, und jedes Mittel, das gespritzt werden muss, kostet Geld. Und keines ist so effizient wie eine Beizung des Saatgutes.» Gleichzeitig steigt der Druck, die richtigen Zeitfenster zu treffen. Denn anders als bei der Beizung wirken die heutigen Massnahmen nicht vorbeugend, sondern müssen gezielt zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Hinzu kommt ein Zielkonflikt. Während die Beizung aus Gründen unter anderem des Bienenschutzes verboten wurde, führt ihr Wegfall in der Praxis oft zu einem erhöhten Einsatz von Insektiziden während der Vegetation. Diese müssen mehrfach und gezielt ausgebracht werden, um den Befall zu begrenzen. Schlatter stellt deshalb die Frage, ob der ökologische Effekt tatsächlich erreicht werde.
Beobachten statt absichern
Der Wegfall der Beizung hat direkte Auswirkungen auf den Arbeitsaufwand. «Nach der Saat ist der Raps sehr anspruchsvoll», sagt Schlatter. Entsprechend eng begleitet er seine Bestände und kontrolliert sie mehrmals pro Woche. Dabei achtet er auf Details im Feld. Sind Frassstellen und Einstiche vom Erdfloh sichtbar, laufen die Pflanzen gleichmässig auf, und entwickelt sich der Bestand ausreichend. Der Erdfloh hinterlässt typische Einstichstellen an den Blättern. Bei starkem Befall werden die jungen Pflanzen geschwächt, verkümmern und entwickeln sich nur ungenügend. Besonders kritisch ist die Situation, wenn in der Nähe bereits zuvor Raps angebaut wurde. Dann ist der Schädlingsdruck deutlich höher, da sich die Populationen im Gebiet etabliert haben. Das Monitoring ist heute zentral. Neben den Feldkontrollen helfen Gelbschalen sowie Fachinformationen und digitale Anwendungen, den Befall besser einzuschätzen. Gleichzeitig sind die gesetzlichen Vorgaben strikt. Pflanzenschutzmassnahmen dürfen erst erfolgen, wenn eine definierte Schadschwelle erreicht ist und eine entsprechende Sonderbewilligung vorliegt. Das bedeutet, dass nicht nur der Zuflug der Schädlinge erfasst wird, sondern auch sichtbare Schäden an den Pflanzen vorhanden sein müssen. «Wir müssen also einen gewissen Schaden in Kauf nehmen, bevor wir etwas dagegen unternehmen können», sagt Schlatter.
Zwischen Witterung und Vorschriften
Auch das richtige Timing ist eine Herausforderung. Schlatter erklärt, dass es entscheidend sei, den Einflug und den Befall richtig zu erkennen und die Zeitfenster exakt zu treffen. Die Witterung erschwere dies zusätzlich, da zum Beispiel bei Wind nicht gespritzt werden kann. Hinzu kommt die Problematik der Resistenzen. «Je mehr wir mit den gleichen Produkten kommen, desto mehr kämpfen wir gegen Resistenzprobleme.» Während im Ausland teilweise neue Wirkstoffe zur Verfügung stehen, sind diese in der Schweiz oft nicht zugelassen. Schlatter ist überzeugt, dass es sehr helfen würde, wenn die gleichen Wirkstoffe wie in der EU zugelassen wären. Die Folgen sind spürbar. Schlatter warnt, dass zunehmend Kulturen durch Schädlinge verloren gehen und die Abhängigkeit von Importen steigen könnte.
Zwischen Risiko und Leidenschaft
Der Rapsanbau bleibt eine Gratwanderung. Hohe Vorleistungen treffen auf grosse Unsicherheiten. Für Schlatter gehört dieses Risiko jedoch zum Beruf. Viel werde investiert, gleichzeitig sei man stark von Witterung und Umwelteinflüssen abhängig. Ob sich der Aufwand auszahle, zeige sich oft erst am Schluss. Trotz allem bleibt die Leidenschaft. «Mich erfreut es immer sehr und es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich über die Felder fahre und uns eine Kultur gut gelingt.» Und auch für die Landschaft hat der Raps eine besondere Bedeutung. «Das Klettgau ohne die gelb leuchtenden Farben wäre doch nicht das Klettgau.»
Wie es mit dem Raps weitergeht, hängt stark von den politischen Rahmenbedingungen und den verfügbaren Pflanzenschutzmöglichkeiten ab. Für Schlatter ist klar: «In der Hand hat es die Politik.»