Ist Schafwolle wertlos?

Lammzeit bei Familie Leu in Hemmental. Während Schweizer Lammfleisch gefragt ist, bleibt die Wolle ein Sorgenkind und ist finanziell wertlos. Der Austausch in der Genossenschaft gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Sobald man den Stall der Familie Leu betritt, wird es lauter. Von allen Seiten blökt es, eine Aue (weibliches Schaf) blickt aufmerksam herauf, eine andere stampft nervös auf den Boden. Der Grund ist klar: Die Lammzeit ist in vollem Gang. Mitten im Geschehen steht Richi Leu. «Das weisse Lamm hier müssen wir mehrmals täglich schöppele», erklärt er. Die Mutter hat Zwillinge. Während das schwarze Lamm problemlos trinken kann, wird das weisse immer wieder zur Seite gedrängt. Die Aue schafft es nicht, beide gleich gut zu versorgen.

Zutrauliche Tiere als Ziel
Die Herde reagiert sofort, wenn Richi den Stall betritt. Die Tiere sind zutraulich, ein bewusstes Ziel der Betriebsführung. «Meine Frau und ich sind täglich mehrmals im Stall bei den Tieren.» Angelika und Richi Leu halten rund 30 Mutterschafe und insgesamt etwa 80 Tiere. Als sie den Betrieb übernahmen, war dieser viehlos und auf Acker- und Futterbau ausgerichtet. «Dies war für mich damals ein riesiges Glück, arbeitete ich hauptberuflich noch auf dem Bau.» Die Schafe kamen eher zufällig auf den Hof. Über einen Heukunden übernahmen die Leus zunächst Zackelschafe. Diese erwiesen sich jedoch als zu widerspenstig. Im Austausch erhielten sie schliesslich eine gemischte Herde aus Texel- und Engadinerschafen. «Wir mussten damals sehr viel lernen. Von Anfang an freute es mich sehr, unser Heu an unsere Tiere zu verfüttern.»

Hilfe aus der Genossenschaft
Ein wichtiger Pfeiler wurde früh die Schafzuchtgenossenschaft Schaffhausen und Umgebung. Der Austausch unter den Mitgliedern ist für Leus zentral. «Als einmal ein Lamm nicht trinken wollte und wir alle bekannten Tricks bereits versucht hatten, fragten wir in die Runde, ob jemand weiter weiss. Ganz schnell kam die Antwort: Versuch es mit Naturjoghurt.» Der Tipp wirkte sofort. Auch sonst hilft man sich unkompliziert. «Auch wenn ein Schafsbock gesucht wird, ein Anhänger ausgeliehen werden muss oder bei vielem mehr, ist die Genossenschaft füreinander da.» Die Genossenschaft zählt aktuell 17 Mitglieder. Voraussetzung für den Beitritt sind weder Rassetiere noch ein Mitgliederbeitrag. Im Zentrum stehen der fachliche Austausch und das Netzwerk. Ein Weidehock, Exkursionen und die Schafschau gehören zum Jahresprogramm. Neu ist die Genossenschaft auch auf Instagram präsent. Obwohl die Leus keine Zucht betreiben und nicht an Schauen teilnehmen, engagieren sie sich aktiv. «Das Zusammensitzen und der Austausch sind viel wert.» Angelika ist inzwischen Kassierin. Im Kanton gebe es nur noch rund vier Zucht-Herden, die gezielt auf einzelne Rassen züchten. Deshalb findet alle zwei Jahre eine öffentliche Schafschau in Beggingen statt. In den Zwischenjahren werden die Tiere in den Ställen von Experten bewertet.

Fleisch gefragt, Wolle schwierig
Die Schafzahlen im Kanton Schaffhausen steigen kontinuierlich. Wirtschaftlich zeigt sich jedoch ein gemischtes Bild. Während der Absatz von Schaffleisch gut läuft, bleibt die Wollverwertung herausfordernd. Die Jungtiere werden bei den Leus mit etwa einem Jahr geschlachtet. Die Vermarktung übernimmt ein bekannter Metzger aus der Region, was der Familie wichtig ist. Der Markt sei grundsätzlich vorhanden. Nur ein Bruchteil des in der Schweiz konsumierten Schaffleischs stammt aus inländischer Produktion, obwohl die Nachfrage breit abgestützt ist. Lammfleisch wird von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nachgefragt und der Markt gilt grundsätzlich als attraktiv. Ein wesentlicher Grund für den Import liegt in den höheren Produktionskosten hierzulande, unter anderem wegen strenger Tierwohlvorschriften sowie höherer Lohn- und Strukturkosten. Entsprechend steht Importware im Laden oft günstiger im Regal. Ganz anders präsentiert sich die Situation bei der Wolle. «Wir bringen unsere Wolle zu einer Firma, die Hausdämmungen und Kompostpellets für den Garten daraus herstellt. Ehrlich gesagt bekommen wir aber nicht mal so viel, dass es für das Benzin dorthin ausreicht.», erklärt Richi. Die Erlöse decken heute nicht einmal mehr die Schurkosten. Mit dieser Situation stehen die Leus nicht allein, vielerorts ist Schafwolle wirtschaftlich stark unter Druck. Was früher eine sichere Einnahmequelle war, gilt inzwischen vielerorts als Nebenprodukt. Trotzdem halten die Leus an der Weiterverwertung fest. «Es wäre günstiger, sie zu entsorgen, aber so ein hochwertiger Rohstoff sollte auch einen Nutzen haben.»

Nähe zu den Tieren
Während der Ablammzeit bleiben Aue und Lamm zunächst in einer separaten Box. «Dann haben die beiden Ruhe, bekommen etwas mehr Kraftfutter und wir können sie gut beobachten», sagt Angelika. Auch ältere Tiere bleiben Teil der Herde. Das älteste Schaf, Hase, ist zehn Jahre alt. «Sie ist die Chefin im Stall», sagt Richi lachend. Wichtig sind ihm vor allem Mutterinstinkt, Robustheit und Standorttauglichkeit. Die Tiere haben ganzjährig Zugang zum Auslauf. Ab Frühling beginnt die Weidesaison. «Jetzt riechen die Tiere langsam das Gras, werden nervös und möchten raus.» Schafe seien zudem wertvolle Landschaftspfleger. Sie fressen auch an steilen Hängen und sind durch ihr geringes Gewicht bodenschonend.

Vielseitigkeit gefragt
Der Alltag verlangt breites Können. «Als Schafhalter muss man vielseitig sein», sagt Angelika. Erst kürzlich benötigte ein Tier eine Infusion. «Flaschenwechsel und Umstecken machten wir selber und Richi baute noch einen Ständer für die Flaschen.» Der Tierarzt erkläre vieles, doch die Umsetzung liege oft beim Betrieb. Trotz überschaubarer Wirtschaftlichkeit ist die Bindung gross. «Es fällt einem dann aber auch sehr schwer, wenn eines geschlachtet wird», sagt Angelika. Besonders nahe gehen der Familie die sogenannten Schoppenlämmer. Diese benötigen in den ersten Wochen rund alle zwei Stunden Milch, auch nachts, und werden entsprechend intensiv betreut. Gerade weil sie die Tiere so gut kennen, fällt der Abschied schwer. Für Angelika und Richi gehört es dennoch dazu. Sie sehen es als Ausdruck von Wertschätzung, das Fleisch bewusst zu nutzen und zu vermarkten.