Zu Besuch bei Reiatspargel
Seit zehn Jahren baut Familie Bernhard alias Reiatspargel in Büttenhardt grünen Spargel an. Die Saison ist kurz und arbeitsintensiv, geprägt von Handarbeit, wechselhaftem Wetter und einem Team, das täglich gemeinsam auf dem Feld und in der Halle steht.
Im Frühling wird es lebendig auf dem Hof der Familie Bernhard. Dann beginnt die Spargelsaison und mit ihr eine intensive, körperlich fordernde, aber auch erfüllende Zeit. Seit zehn Jahren bauen Bernhards auf ihren Feldern im Reiat grüne Spargeln an. Doch der Weg bis zur ersten Ernte war lang. «Bevor wir auch nur eine einzige Stange verkaufen konnten, vergingen drei Jahre», erinnert sich Peter Bernhard. «So lange braucht die Pflanze, um kräftig zu werden und zuverlässig zu tragen.» In dieser Wartezeit blieb die Arbeit allerdings nicht aus: Bodenpflege, Unkrautregulierung und Schädlingskontrolle waren notwendig, auch wenn noch keine Ernte eingebracht werden konnte. Bernhards haben sich auf den Anbau von grünen Spargeln spezialisiert. Eigentlich handelt es sich um dieselbe Pflanze wie beim weissen Spargel. Der Unterschied liegt im Erntezeitpunkt und in der Art des Anbaus: Weisser Spargel wächst unter der Erde und wird gestochen. Dafür braucht es lockeren, sandigen Boden. Grüner Spargel hingegen wächst über der Erde und wird geschnitten. Da der Boden bei Bernhards eher schwer ist, war die Entscheidung für die grüne Variante naheliegend. In der Region ist der grüne Spargel deshalb deutlich häufiger zu finden als weisse.
Ein kluger Zyklus im Feld
Spargel ist ein mehrjähriges Gewächs, das Geduld verlangt, aber mit erstaunlicher Kraft belohnt. «Im Juni können die Pflanzen unter optimalen Bedingungen bis zu sieben Zentimeter pro Tag wachsen», schwärmt Peter. «Wir hatten schon Jahre, da haben wir zweimal täglich geerntet.» Heute bewirtschaftet die Familie Spargelfelder in unterschiedlichen Altersstufen. Zwei Felder wurden zu Beginn angelegt, ein drittes folgte nach fünf Jahren und die jüngsten kamen vor vier Jahren dazu. «Wir planen in Zyklen, also immer drei Jahre im Voraus», erklärt Nicole Bernhard. Ein Spargelfeld kann etwa zehn bis zwölf Jahre genutzt werden, bevor es neu bepflanzt werden muss. Mit dieser Strategie bleibt der Betrieb flexibel und sorgt dafür, dass jedes Jahr genügend Erntefläche zur Verfügung steht.
Wenn das Wetter mitredet
Doch der Erfolg ist auch stark wetterabhängig. Das vorletzte Jahr war extrem nass, was den Druck durch Schädlinge spürbar erhöhte. Spargelfliegen, Schnecken und sogar Hasen setzen den Pflanzen zu. Trotz dieser Herausforderungen greifen Bernhards nur minimal in den natürlichen Kreislauf ein.
Ein besonderes Thema ist die Unkrautbekämpfung. Eine Daueraufgabe, die mit der Zeit immer komplexer geworden ist. «Wir haben heute deutlich weniger zugelassene Wirkstoffe als früher», führt Peter aus. «Deshalb setzen wir vermehrt auf mechanische Verfahren.» Statt zu spritzen, werden die Reihen mit einer Maschine so bearbeitet, dass das Unkraut abgedeckt wird. Die Spargeln wachsen weiter. Ohne Licht erstickt das Unkraut darunter. «Das funktioniert, aber es ist aufwändig. Wir decken jeweils Teilbereiche der Felder ab, warten einige Tage, und sobald das Unkraut zurückkommt, beginnt das Ganze von vorne.»
Ein Stall für die Zukunft
Als Stefanie und Florian den Betrieb übernahmen, war für sie klar: Tierwohl soll im Zentrum stehen und der Betrieb soll weiterentwickelt werden. Die Idee eines Laufstalls nahm Form an. Pläne wurden gezeichnet, Konzepte studiert, Details ausgearbeitet. Doch wie finanziert man ein solches Projekt? Verschiedene Varianten wurden geprüft. Schliesslich lancierte die Familie ein privates Crowdfunding. Über die eigene Website, mit Unterstützung von Freunden und Verwandten, sammelten sie Beiträge. Es kam das eine oder andere Nötli zusammen, für den kompletten Neubau reichte es jedoch nicht. Im November 2024 war es dann aber trotzdem so weit: Der neue Stall konnte bezogen werden. Zunächst zogen 30 Kühe ein. Melkroboter und Futterroboter erleichtern seither den Alltag spürbar. Arbeitsabläufe sind effizienter, körperliche Belastungen geringer. Für die Tiere bedeutet der Laufstall vor allem Freiheit. Sie haben mehr Platz, können sich frei bewegen und jederzeit ins Freie. «Sie können so oft zum Melkroboter gehen, wie sie möchten», erklärt Florian. Ganz selbstverständlich war das jedoch nicht. «Früher kamen wir in den Stall, und eine Kuh nach der anderen wurde mit der Melkmaschine gemolken», erzählt Stefanie schmunzelnd. «Jetzt mussten sie lernen, selbstständig zum Roboter zu gehen. Das brauchte Geduld und viel Unterstützung.»
Von der Schweinezucht zum Spargelhof
Zur Entscheidung, auf Spargel umzusteigen, führte ein längerer Prozess. Die Schweinezucht, die zuvor Teil des Betriebs war, wurde aufgegeben. «Uns sagte die Tierhaltung einfach nicht mehr zu», hält Peter fest. Stattdessen suchte die Familie nach einer neuen Perspektive, die sowohl zum Betrieb als auch zur Lebenssituation passte. «Ich überlegte damals, ob ich auswärts arbeiten gehen sollte», erinnert sich Nicole. «Aber das liess sich mit kleinen Kindern und Peters Arbeitszeiten kaum vereinbaren. Wir suchten etwas, bei dem ich mich einbringen konnte und fanden den Spargel.»
Die Rollen sind heute klar verteilt: Peter ist für Pflege, Bodenbearbeitung und Technik zuständig, Nicole kümmert sich um Vermarktung, Planung und das Personal. Gemeinsam führen sie «Reiatspargel» mit einem Team, auf das sie stolz sind. Während der Saison helfen rund 20 Teilzeitkräfte mit, von Schülerinnen und Schülern über Hausfrauen bis zu Pensionierten. «Wenn es so richtig regnet, quer ins Gesicht, und man gebückt im Feld steht, dann ist es schwierig, die gute Laune zu behalten», meint Nicole. Doch dank des Teamgeists finden sie fast immer etwas zum Lachen. «Wir möchten keine billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland, die sieben Tage durcharbeiten und dann von einer neuen Gruppe ersetzt werden», betont Nicole. «Wir machen das mit Leuten aus der Region, mit Menschen, die Freude haben. Und das trägt sich weiter.»
Früh auf dem Feld, spät in der Halle
Der Tagesablauf während der Saison folgt einem klaren Rhythmus: Um 7 Uhr morgens treffen sich alle zur Ernte. Ausgerüstet mit Messer und orangem Körbchen geht es aufs Feld. Die geernteten Spargeln werden sortiert, gewaschen, zugeschnitten und verpackt, alles in Handarbeit. Zwei Teams arbeiten parallel: eines auf dem Feld, das andere in der Aufbereitungshalle. «Wenn alles ideal läuft, ist da richtig Betrieb und es sind bis zu zehn Leute gleichzeitig am Werk», schildert Peter. Dabei läuft Musik, bevorzugt «Stubete Gäng», und gelacht wird viel. «Unsere Kaffepausen sind manchmal länger als die Ernte», meint Nicole lachend. «Gerade bei schlechtem Wetter bauen sie uns enorm auf.» Die Arbeit ist anspruchsvoll: gebückt, bei jedem Wetter, mit viel Fingerspitzengefühl. «Man muss nichts Schweres heben, aber man ist den ganzen Morgen über am Boden», erklärt Peter. «Der Muskelkater ist gross.» Ein wichtiger Teil ihrer Philosophie ist der bewusste Umgang mit Lebensmitteln. Geerntet wird nur, was auch gebraucht wird. Ältere Felder werden gegen Ende der Saison schrittweise eingestellt. So lässt sich Food Waste vermeiden. Spargeln, die optisch nicht der Norm entsprechen, etwa zu krumm, zu dick oder mit leicht geöffneten Köpfen, gelten als zweite Klasse, schmecken aber genauso gut. Viele dieser Spargeln landen bei regionalen Restaurants oder auf den Tellern der Mitarbeitenden, natürlich zu einem Vorzugspreis.
Stau vor der Einfahrt
Vermarktet werden die frischen Spargeln über verschiedene Kanäle: regionale Läden, Restaurants, ein Marktstand vor dem Herblinger Markt (beim Coop-Eingang) jeweils am Mittwoch und Samstag und am Wochenmarkt in Schaffhausen. Beliebt ist der Selbstbedienungsladen direkt auf dem Hof. «Gerade am Wochenende kommen viele mit dem Velo oder auf einem Spaziergang vorbei», sagt Nicole. «In der Coronazeit gab es sogar Stau vor der Einfahrt. Wir haben damals Liegestühle aufgestellt und kühle Getränke angeboten, das kam super an.»
Ein langer Weg bis ins Regal
Der Startschuss zur Saison fällt meist um den 20. April, das Ende ist um den 21. Juni. Doch das Timing ist heikel. «Je früher wir starten, desto früher endet die Saison. Das Interesse der Kundschaft sinkt ab Juni merklich», gibt Peter zu bedenken. Hinzu kommt die starke Konkurrenz durch Importe. «Wenn bereits ab Februar Spargeln aus Peru oder Mexiko in den Läden liegen, ist das schwierig für uns», ergänzt Nicole. «Die Saison wird dadurch künstlich verlängert und wenn bei uns endlich die Spargeln wachsen, sind viele schon satt davon.» Zum Schluss geben die beiden noch einen Tipp für die richtige Lagerung: Am besten bewahrt man die Spargeln in der Kühlschranktür auf, stehend in einem Glas Wasser. «Und Achtung: Sie wachsen weiter, auch nach dem Schneiden», sagt Nicole schmunzelnd. Wer Spargel roh essen möchte, sollte unbedingt frische, regionale Ware wählen. «Importierte Spargeln haben meist schon einige Transporttage hinter sich. Dann schmecken sie schnell hölzern», erklärt Peter. «Ich esse sie am liebsten direkt vom Feld, wie einen Apfel.»