Eine Kuh mit grosser Geschichte
Auf dem Griesbacherhof wurde eine besondere Zuchtfamilie ausgezeichnet. Im Zentrum stand die Kuh Bernadett mit ihren zahlreichen Nachkommen. Die Präsentation zeigte eindrücklich die Entwicklung über Generationen.
Vor kurzem stand auf dem Griesbacherhof von Rafael Brütsch in Schaffhausen eine ganz besondere Kuh im Mittelpunkt: Bernadett. Die Braunviehkuh wurde gemeinsam mit ihren Töchtern und weiteren Nachkommen als Zuchtfamilie ausgezeichnet. Zahlreiche Besucher fanden den Weg auf den Hof, um die Präsentation der Familie über mehrere Generationen hinweg mitzuerleben. Für den Anlass wurde der Stall herausgeputzt, die Kühe rasiert und gestriegelt. Die Tiere standen in unterschiedlichen Gattern mit ihren Kälbern, voneinander getrennt, aber mit direktem Zugang zu einem aufgebauten Vorführring in der Stallmitte. Dort wurden die Tiere später vom Experten beurteilt. Vom wenige Tage alten Kalb bis zu älteren Tieren war alles vertreten. Erst als die Gatter geöffnet wurden, kam Bewegung in die Gruppen. Als einige Mutterkühe mit ihren Kälbern in den Vorführring geführt wurden, wurden die anderen Tiere unruhig. Sowohl die zurückbleibenden Mütter als auch die anderen Kälber suchten den Kontakt zueinander und machten dies lautstark bemerkbar. Auch im Ring wurde hier und da Stärke gezeigt und die Rangordnung kurz geklärt. «Wie bei den Kampfkühen im Wallis», rief der Landwirt lachend.
Die Kuh im Zentrum
Im Mittelpunkt stand Bernadett, geboren 2014. Die Braunviehkuh hat bislang neun Töchter und einen Sohn zur Welt gebracht. Sechs ihrer Töchter haben bereits selbst wieder gekalbt. Der Familienstammbaum wächst und wächst. Ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist die Alpung. Bereits mehrere Sommer verbrachte Bernadett im Sarganserland. «Der Weg hinauf ist nicht der einfachste, aber Bernadett hat ihn immer gut gemeistert», erklärte der Betriebsleiter. Die Geschichte dieser Kuhfamilie reicht weit zurück. Bernadetts Grossmutter war beim Start der Mutterkuhhaltung auf dem Griesbacherhof mit dabei. Sie wurde 2003 gekauft, da begann die Braunviehgeschichte. «Die Familie gehört seit Anfang an zu uns in dritter Generation und hat alles mitverfolgt, was wir an Züchtungen auf dem Hof gemacht haben.»
Beurteilung der Zuchtfamilie
Für die Beurteilung wurden gezielt mehrere Generationen zusammengeführt. Neben der Stammkuh standen Töchter und Töchterstöchter im Ring. Insgesamt wurden 15 direkte und indirekte Nachkommen präsentiert. Bewertet wurden dabei ausschliesslich die direkten Nachkommen und Tiere der Rasse Braunvieh. Die Beurteilung übernahm Patrik Birrer. Er stand mitten im Ring, ging seine Liste durch, begutachtete die Tiere und vergab Punkte. Bei der Stammkuh zählten nur die inneren Werte. Dabei ist es für die Auszeichnung nicht zwingend, dass die Stammkuh noch lebt. Umso bemerkenswerter ist es, dass Bernadett nach wie vor auf dem Griesbacherhof bei Familie Brütsch steht. Entscheidend waren problemlose Geburten ohne menschliche Hilfe sowie die Leistungsdaten aus den Auswertungen von Mutterkuh Schweiz wie Tageszunahmen und Gesamtzuchtwerte. «Die Stammkuh Bernadett ist bereits in ihrer 10. Laktation. Das bedeutet, dass sie 10 Kälber geboren hat», erklärte der Experte. Ein zentraler Punkt ist die Vererbung. «Es muss eine Kuh sein, die besondere Werte weitergibt, damit überhaupt Interesse besteht, diese Nachkommen im Stall zu behalten und mit der Kuh zu züchten.» Gleichzeitig braucht es Zuchtfortschritt, also Verbesserungen bei den Nachkommen. Bernadett erreichte bei den inneren Werten 37 von maximal 43 Punkten. Die Töchter und weiteren Nachkommen wurden nach äusseren Merkmalen beurteilt. Rahmen, Bemuskelung, Becken und Fundament wurden genau angeschaut. Ein gutes Fundament ist entscheidend, damit eine Kuh lange leistungsfähig bleibt. Auch Euter und Zitzen wurden beurteilt, damit die Kälber problemlos trinken können. Die Bewertungen der Nachkommen ergaben 43 von maximal 48 Punkten. Für den harmonischen Gesamteindruck der Gruppe kamen zusätzliche Punkte dazu. Zusammen mit den inneren Werten der Stammkuh ergab sich ein Total von 83 Punkten. «Ich gratuliere für diese top Zuchtfamilie!»
Zucht mit verschiedenen
Ansätzen Während der Präsentation stellte Rafael Brütsch die einzelnen Tiere vor und erklärte ihre Herkunft und ihre Eigenschaften. Dabei wurde sichtbar, wie unterschiedlich sich die Linie entwickelt hat. Die Zucht verlief nicht geradlinig. Vor einigen Jahren entschied sich die Familie Brütsch, auf hornlose Tiere hinzuarbeiten. Dazu wurde auch mit Limousin-Genetik gearbeitet. Tiere wie die Tochter Campari zeigen diese Entwicklung, wurden aber aufgrund ihrer Abstammung nicht in die Bewertung einbezogen. Auch andere Kühe zeigen verschiedene Zuchtphasen. Die Kuh Ruka stammt aus einem früheren Zuchtprogramm zur Vermeidung von Inzucht und steht für eine andere Zeit auf dem Betrieb. Einzelne Tiere fallen besonders auf. Die Tochter Jemima ist eine Persönlichkeit. «Sie macht eigentlich immer genau das, was sie will. Und das ist wichtig. Eine Kuh muss Charakter und Kanten haben, um bei uns alt zu werden», erklärte der Landwirt bei der Vorstellung. Auch Leistungswerte einzelner Nachkommen stechen heraus. Ein Kalb aus einer Kreuzung mit Limousin zeigte eine besonders hohe Tageszunahme. Die Fleischrasse ist für ihre starke Zunahme bekannt. «1680 Gramm Tageszunahme. Dass so etwas möglich ist, habe ich nicht gewusst. Eine eindrückliche Leistung», erklärte der Geehrte. Auch das Verhalten der Tiere sprach der Betriebsleiter direkt an. Beim Betreten des Stalls sei etwas Vorsicht geboten, erklärte er dem Publikum. «Unsere Kühe sind ein Ticken wilder und sie verteidigen ihr Kalb. Ihre Kälber sind unseren Kühen heilig, also bitte aufpassen.» Für den Betriebsleiter war auch die Präsentationsform bewusst gewählt. «Die Zuchtfamilienschau ist ein Format, welches man eher von der Milchwirtschaft her kennt. Da werden die Milchkühe angebunden und auch einzeln vorgeführt. Wir wollten es etwas freier gestalten und haben daher einen Ring aufgebaut, in dem sich die Tiere frei bewegen können.» Zum Abschluss bedankte sich der Landwirt bei seiner Familie und den zahlreichen Besuchern. Auf dem Hof wurde gegessen und getrunken. Würste, Gerstensuppe, Kuchen und Hofglace rundeten den Anlass ab. «Landwirtschaft ist Essen und Trinken!»